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4 Groundhopper auf der Grünau

in Vor- und Nachbetrachtungen by

Dienstagabend, 20. Uhr. Sportplatz Grünau in Sirnach: blaue Tartanbahn ohne Banden, Schulsport-Atmosphäre, die Tabelle im Matchprogramm ist mehrere Wochen alt, Getränke werden von der Rampe eines Lieferwagens verkauft. Das Bier schäumt von der holprigen Fahrt, der Verkäufer entschuldigt sich – dass Flutlicht fehle auf der angestammten Sportanlage Kett. Dafür sind vier deutsche Groundhopper anwesend, einer aus Bremen, einer aus Plauen, einer aus Konstanz, einer aus Überlingen. Immer auf der Suche nach einem noch nicht „gemachten“ Fussballplatz. Der Ausweichplatz Grünau, für die einen Mühsal, für die anderen gesammelter Exotenpunkt.

Jürgen Seeberger macht sich Notizen. Rui Luis analysiert das Spiel, Ridvan Rexhepaj sitzt bei den Sirnachern, dass Kreuzlinger Stammpublikum und die Sirnacher Ersatzspieler pflaumen sich gelangweilt an. Fussballstimmung kommt nicht so recht auf, trotz Flutlicht. Die Groundhopper sind sich einig, der FCK hätte den Sack schon lange zumachen müssen in dieser Partie.

Am Ende siegt der FCK 2:1, stürzt die Südthurgauer in den fast besiegelten Abstieg und klettert erstmals in dieser Saison auf Rang drei – mit 4 bzw. 5 Punkten Rückstand auf das Spitzenduo Freienbach und Kosova.

Ob es im Thurgau einen sehens-werten Fussballplatz gäbe, fragt mich ein Groundhopper. Ich antworte etwas verlegen, dass Frauenfeld eine kleine Tribüne hätte, in den 1950er-Jahren wäre die pfeilerlose Konsruktion ein Hingucker gewesen. Kurzes überlegen meinerseits, es kam tatsächlich nichts mehr. Eine Viertelmillion Einwohner, dass Highlight ist eine 60 Jahre alte Tribüne  mit 375 Plätzen. Der Thurgau und der Fussball, so recht entflammt ist die Liebe nie.

Es duellieren sich Thurgaus bester und drittbester Verein – es beschleicht einen das Gefühl, Besucher einer Randsportart zu sein (Foto: Beni).

 

5 Comments

  1. Besten Dank für den humorvollen und mit diversen Seitenhieben gespickten Text 🙂 du hast vollkommen recht: Der FC Sirnach ist tiefste Provinz. Eine Retortenmannschaft die keiner sehen will.Obwohl dort jetzt schon seit längerer Zeit mit Hilfe von kräftigen Finanzschüben der „Erfolg“ gesucht wird interessiert es niemand 🙂 Und du hast vollkommen Recht mit der Infrastruktur . Um nachhaltig Erfolg anzustreben muss zuerst der Unterbau stimmen. Sprich eine gut funktionierende Juniorenbewegung und eine Infrastruktur die nach höherem ruft sind absolut zwingend! Erst dann sollten erfolgsorientierte FC`s allfällige Aufstiege anstreben. Ich rede da natürlich mindestens von 1.Liga-Promotion. Auch die 1.Liga-Classic ist komischerweise ein regelrechter Nährboden für unzählige Wald und Wiesen Stadiönchen. Was sich da alles tummelt….. oje oje. Übrigens : bei uns im Rheintal sieht es ähnlich aus wie bei euch im Kanton. Einzig in Altstätten steht eine halbwegs vernünftige Stehrampe für ca.700 Personen aber sonst ist von SG bis Chur tote Hose… unbegreiflich!!!

    • Ja, da muss ich meinem Vorschreiber Herrn Kessler recht geben, sogar die Lautsprecheranlage war nicht in Betrieb! Ich war jetzt zum 2. Mal in kurzer Zeit in Sirnach zu Gast. Das 1. Mal war der Platz angeblich wegen Schneefall unbespielbar hörte man. Ich bin da anderer Meinung. Der Platz wäre gut bespielbar gewesen ich habe ihn selber überqwert… unbegreiflich!!!

    • Vielen Dank für deinen Kommentar Steve. Dabei muss man im Rheintal nur über die Grenze schauen, im Vorarlberg findet man zahlreiche Tribünen auf Amateurplätzen, ebenso im südbadischen Fussballverband. Mit dem Unterbau ist das natürlich korrekt, immerhin versteht man das mittlerweile beim FC Kreuzlingen – die 2. Mannschaft, die A- und die B-Junioren befinden sich derzeit allesamt auf einem Aufstiegsplatz

  2. Fussball ist im Thurgau sicher keine Randsportart! Fast jedes Dorf, jede Stadt, hat seinen Club – oder sogar zwei (Kreuzlingen z.B.). Schaut man hingegen auf die Infrastruktur soweit es die Platzanlagen betrifft, können heute zwar viele Clubs mit gleich mehreren Spielfelder auftrumpfen – selbst mit Kunstrasen, doch mit einem zeitgemäss ausgestatteten Haupt-Spielfeld hat man im Thurgau eindeutig „Mühe“, obwohl oft die Bezeichnung „Stadion“ oder „Arena“ aufscheint (eine begriffliche Frage!). Wo etwas mit Eigenitiative verwirklicht wird, werden jedoch durchaus brauchbare Strukturen geschaffen. Die Grenzen solcher Anlagen werden aber rasch sichtbar, wenn sich ein Club „in höhere Gefilde“ zu entwickeln versteht. Dann reicht eine „Platz-Ästhetik der schönen Genügsamkeit“ nicht mehr. Somit käme die Politik Spiel!

    Und hier beginnt ein Problem: Schöne, moderne Sportanlagen, die auch den Zuschauer (ästhetisch und praktisch) erfreuen können, sind in einer Demokratie fast nur dann realistisch, wenn gleichzeitig als Mantelnutzung eine Schulgemeinde oder eine andere etablierte Institution ebenso den vollen Nutzen hat. So sind in jüngster Zeit durchaus ansprechende Sporthallen entstanden (nur als Beispiel).
    Wird hingegen versucht, politisch eine Sportanlage aufzugleisen, die etwa nur fussballerische Belange betrifft, so werden sich in Stadt- und Gemeinderäten rasch diejenigen melden, welchen dem Sinn solcher Investitionen eher wenig abgewinnen können (wir sind also wieder bei der „Genügsamkeit“ angelangt).

    Ein Beispiel aus der „sportlichen Wasserwelt“ macht eine negativ ausgefallene Abstimmung in Kreuzlingen ersichtlich, als es darum ging, eine 50 m Hallenbadanlage zu erstellen, die – es sei gesagt! – dem örtlichen, sehr erfolgreichen Schwimmclub eine für Thurgauer Verhältnisse herausragende (auch internationale) Trainings- und Wettkampfstätte geboten hätte. Dabei war das Projekt durchau so ausgelegt, dass auch die gesamte Stadtgemeinde – von jung bis alt, auch die Schulen! – davon profitiert hätte (der SCK sportlich sicher etwas bevorzugt). Kürzlich stimmten Kreuzlingen hingegen dem Bau eines Stadthauses mit Tiefgarage für rund 50 Millionen zu (Über den Sinngehalt sei an dieser Stelle nicht diskutiert)!

    Was ich damit sagen möchte ist: Ziemlich gezielt einen einzelnen (Fussball-) Verein tüchtig zu unterstützen, ihm eine Anlage zu „gönnen“, welche die Stadt sogar „ehren würde“, ist demokratisch sehr schwer zu verwirklichen, da sie nicht einem übergeordneten Bedürfnis der Gesamtgesellschaft zu entsprechen scheint. Dazu bräuchte es Räte und Einwohner, die über die eigene Befindlichkeit hinaus denken und handeln müssten. Das ist sportlich schwer.

    Was ist zu tun? „Tüchtige Mäzene“ sind in Thurgauer Breitengraden kaum auszumachen. Dabei ist die Unterstützung vieler Clubs durch Sponsoren aller Art, grosse und kleine, derzeit durchaus höchst anerkennenswert. Dies sei unmissverständlich festgestellt! Damit ist mindestens der Betrieb eines Clubs gewährleistet. Stehen hingegen grössere bauliche Vorhaben zur Finanzierung an, zum Beispiel den Bau eines Hauptspielfeldes mit einer adäquanten Randumgebung (Tribüne, Stehrampen, Funktionsräume), so wären u.a. folgende Varianten denkbar (da die Club das nicht alleine stemmen können!): 1. Das Interesse einer Stadt, damit auch nach aussen „punkten“ zu können, in dem z.B. die Anlage ab und zu auch un-fussballerischen „Events“ offen zu stehen hat. 2. Eine private Initiative, mit der ein „Haupt-Mantelnutzer“ die Anlage mit erstellt (aktuelles Beispiel Schaffhausen).

    Nachspielzeit: Beim Ostschweizer Nachbar Vorarlberg ticken die Fussballuhren anders. Einerseits sind viele Österreicher sehr sportenthusiastisch (!?), andererseits spielen dort schon lange einige Clubs einen „guten Ball“ – so u.a. (professionell, semiprofessionell, Amateure): SCR Altach, SC Austria Lustenau, FC Lustenau, FC Dornbirn, FC Hard, welche in der Bundesliga, über die 1. Liga, bis zur Regionalliga „tschutten“. Deren Stadion-Infrastrukturen sind entsprechend gut ausgebaut (im Reichhofstadion des SC Austria Lustenau kann man in einer Kapelle sogar …heiraten!). Da staunt man überm Rhein – oder freut sich!

    Die Frage, ob sich im Thurgau bei ähnlichen, höheren sportlichen Gegebenheiten ein fussballerischer Interessensschub zeigen würde, ist aus heutiger Sicht, wo sich viele andere Sportarten – deutlich mehr als früher! – oft erfolgreich um Zuschauer bemühen, abschliessend nicht zu beantworten. Es sei denn, man macht die Probe aufs Exempel – was heisst, dass man diese „höheren sportlichen Gegebenheiten“ vehemet anzupeilen versucht, um sie eines Tages tatsächlich zu realisieren.

    In der Vergangenheit war „Thurgau“ und „Fussball“, wenn man so will, nur kurzzeitig erfolgreich kompatibel: Besonders in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts in Kreuzlingen, und um die 70/80er herum in Frauenfeld. „Erfolgreich“ steht hier für „Aufmerksamkeit über die Region hinaus“. Dabei möchte ich gleichzeitig betonen, dass Fussball nicht per se auf diese Art „erfolgreich“ zu sein hat. Jeder, der sich einmal aktiv dieser Sportart zuwandte weiss, dass der Kern der Sache im gemeinsamen Spiel verankert ist – ganz ohne Tribünen! Nur ist die Frage, ob nicht auch ein Bedürfnis zuschauender Enthusiaten (gar Fans) besteht – in einer Gemeinde, in einer Stadt, in einer Region -, einem spielerisch gehobenerem Fussball nicht abgeneigt zu sein. Es wäre mal – oder ist! – auszuloten. Anpfiff!

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