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Die verkündete Zuschauerzahl

in Vor- und Nachbetrachtungen by

Ein Derby gegen Frauenfeld (0:2) verliert man nicht gerne, wichtiger war an diesem Tag allerdings der Aufstieg der 2. Mannschaft in die 3. Liga. Dem angestrebten guten Unterbau (3. Liga, A-C Junioren in der Coca-Cola-League) ist man damit ein grosses Stück näher gerückt, zumal in der Vorwoche die B-Junioren in die Promotion League aufgestiegen sind und die A-Junioren sich auf bestem Weg in die 1. Stärkeklasse befinden.

Fast gleichzeitig zum Kantonsderby zwischen den beiden besten Thurgauer Fussballmannschaften fand ein paar Hundert Meter weiter im Burgerfeld das eine Liga tiefer ausgespielte Lokalderby zwischen dem AS Calcio und dem FC Tägerwilen statt. Schade, dass man bei Calcio keine Zuschauerzahlen veröffentlicht, wird das seine Gründe haben?

Auf den Fussballplatz geht man oft zum meckern. Das Spiel ist miserabel und zur falschen Zeit angesetzt, das Wetter zu heiss und die Bratwurst lauwarm, im Matchprogramm ein Schreibfehler und der Lautsprecher falsch eingestellt, die Rückennummer stimmt nicht – und das der Spieler spielt schon gar nicht. Auch sehr beliebt für eine Mecker-attacke: die verkündete Zuschauerzahl. Leicht angespannt wartet der Zuschauer auf die Durchsage um dann die Arme zu verwerfen. Ha! – Kann nicht sein, da hat man wohl die Beine und die zuhause liegenden Saisonkarten gezählt. Genüssliches zuprosten ob soviel Unvermögen.

Zumindest für die laufende Rückrunde möchte ich das widerlegen. Die Zuschauerzahl wird während des Spiels durch zwei Personen zweifach durchgezählt. Die Fehlerquote wird bei +/- 10 Personen liegen. Zugegeben, die angegebenen 270 Zuschauer beim Derby (vom Speaker unverschuldet aber falsch mit 240 durchgegeben, ha! – wieder was zu meckern!), sahen nach deutlich weniger aus. Als einer der Zähler kläre ich mal auf. Die komplette Haupttribünenseite war mit 140 Personen besetzt, die Gegenseite mit 80 inkl. Terrasse der Bodensee-Arena. Auf der südwestlichen Torseite standen 40 Personen (Schatten) und 10 Personen sassen während des Spiels bei der Festwirtschaft. Macht 270 und damit (wenig beeindruckender) Saisonrekord. Übrigens sind zu Spielbeginn immer deutlich weniger anwesend, daher zählen wir immer zu Ende der 1. Halbzeit.

Der Zuschauerschnitt lag in der Vorrunde übrigens bei 176, allerdings noch nicht auf obige Weise ermittelt und daher wahrscheinlich etwas zu hoch angesetzt. Der Zuschauerschnitt in der Rückrunde liegt bei genauen 198. Der Liga-Schnitt pendelt sich derzeit bei 189 ein. Liga-Krösus ist der FC Kosova mit 270, am wenigsten kommen beim FC St. Margrethen (105).

Zum Spiel der 2. Mannschaft kamen übrigens „mindestens 150 Zuschauer“, dies allerdings euphorisch zu später Stunde per Telefon durchgegeben. Das Aufstiegsspiel unserer 2. Mannschaft konkurrierte dabei mit dem Champions-League-Finale, dem Schweizer Cup-Finale im Wasserball (Kreuzlingen-Lugano im Hörnli) und war begleitet von zwischenzeitlichem Regen.

Nachtrag: Ein Fussballreisender aus Dresden war beim Kantonsderby, Fotos wird es auf kopane.de geben.

Titelbild: Foto Gaccioli (bearbeitet durch hafetschutter.ch)

2 Comments

  1. Kein Beinbruch – die Derby-Niederlage gegen den FCF! Auch wenn die Tabelle dies nicht unbedingt beinhaltete. Seis drum! „Gewinnen“ geht nicht immer. Und Kosova macht sowieso den Meister – schreibe ich mal so nebenbei!

    „Gewinnen“ kann ein Club jedoch stets, wenn auch für den clubeigenen Spielernährboden gesorgt wird. Und so ist denn die Feststellung von Daniel Kessler, wie es gegen das Saisonende hin bei den vielen FCK-Ligamannschaften steht, ganz erfreulich: Die 1. ist hervorragend platziert, die 2. Mannschaft steigt glorios in die 3. Liga auf, bekommt es also demnächst mit ersten Clubmannschaften zu tun, gar einigen regional attraktiven „Derbys“ („Hopp Chrüzlinge“!). Und bei den Junioren scheint es ebenso rund zu laufen. Das ist alles prima und schafft Zukunft.

    Ist dieser kickende Nährboden mal gelegt, erscheinen mir zwei Komponenten für die weitere Zukunft besonders bedeutsam: Einerseits „Identifikation“ – andererseits „Tradition“. Beide Begriffe gehören zusammen. Zuerst zur „Identifikation“: Sie hat parallel sowohl mit dem Verein, als auch mit der Stadt zu tun. Als Spieler (wie auch als Zuschauer!) ehrt man mit seinem Engagement die Bemühungen des Clubs (auch seiner vielen Verantwortlichen). Gleichzeitig repräsentiert man die Stadt sportlich nach aussen. Und diese Repräsentation beinhaltet dann auch eine Aufforderung an die Stadt, infrastrukturbezogen dort zu helfen, wo es nach heutigem Massstab gilt, eine zeitgemässe Sportanlage mit zu unterhalten – für Spieler, wie für Zuschauer.

    Nun zur „Tradition“: Jeder Verein hat seine eigene, macht sie an diesen oder jenen Zeiten fest, an diesen oder jenen Ereignissen. So auch der FCK (wie man übrigens immer wieder eindrücklich in D.K’s „Grenzstadtkurier“ lesen kann!). Die 30er Jahre des vorherigen Jahrhundert, in denen der FCK schweizweit für positive Aufregung sorgte, liegen zwar schon sehr weit zurück, doch auch die vielen Erscheinungen im allerobersten Amateurbereich (in der alten, berühmten 1. Liga!) sind zu einem beachteten Club-Markenzeichen geworden (Zwischenbemerkung: Ich erinnere mich noch gut an meine Jugendzeit, wie ich abends über „Radioberomünschter“ jeweils hören wollte, „wiä Chrüzlinge uswärts gschpillt hät“. Damals waren Erstligaresultate tatsächlich noch Radio-hauptprogrammtauglich. Und Handys waren in weiter Ferne. Nicht mal jedes Haus hatte Telefonanschluss…!).

    Selbstverständlich sind auch heutzutage Erfolge nicht automatisch durch „Identifikation“ und „Tradition“ zu erreichen. Geld spielt bekanntlich ebenso mit – vielleicht schon immer! -, schiesst jedoch nicht immer Tore! Das haben schon einige Clubs erfahren. Der FC Wil zum Beispiel, der dieses Jahr nur deswegen nicht von der „Challenge“ verschwindet, weil Le Mont (oberhalb Lausanne) die Lizenz zurück gab, „da der Präsident auf Dauer die Verbandsvorgaben nicht länger auszubügeln gewillt ist“, die durch die Vorstellungen der 1. Instanz notwendig wären (ca. 2,5 Millionen). Und immer mit der 2. Instanz für die Lizenz zu kämpfen, mache „enorm müde“. Dabei hat Le Mont mit dem „Kastanienfeld“ nicht mal einen eigenen, verbandshomologierten Platz, „tschuttete“ 30 Kilometer entfernt (im Schnitt 700 Zuschauer) am Jurafuss in Baulmes, dessen FC es bekanntlich mal dem FCK in Aufstiegsangelegenheiten schwer machte (Übrigens: Anlage in Baulmes für 4000 Zuschauer, schöne Tribüne, Ortschaft hat rund 1000 Einwohner. Ohne weiteren Kommentar!).

    Es hat also alles schön ordentlich zu zu gehen – im Fussball. Der FCK macht da einen soliden Eindruck. Clubfussball ist rundum überkomplex geworden. Nicht alle Träume sind zu erfüllen. Andererseits setzt man sich immer ein Ziel – so besonders auch mit dem Fanionteam. Und ist dieses Ziel mal erreicht, sollte man vorbereitet sein auf das, was nun auf den Club für (Verbands-) Anforderungen zukommen. Sonst naht das Ende deutlich rascher, als der Erfolg erarbeitet wurde. Die anvisierten Ziele sollten zu keiner sportlichen, besonders finanziellen Gratwanderung (!) verkommen. Das stresst einen Verein. Aus diesem Tal ist dann schwer wieder heraus zu spielen, wie die vielen Beispiele „versunkener Vereinsnamen“ zeigen.

    Und so kommen wieder „Identifikation“ und „Tradition“ ins Spiel: Im Prinzip ist es tatsächlich nicht so wichtig, in welcher Liga gespielt wird. Beide zitierten Begriffe können auf jede Liga-Zugehörigkeit ihre Anwendung finden (auch nach unendlichen Abstiegen). Andererseits hat so ziemlich jeder Club die Absicht – nehme ich mal an! -, stets zu „Höherem“ zu streben oder gar berufen zu sein! Und genau da kommt überraschend unser Goethe ins Spiel (Faust, Teil 1): „Es irrt der Mensch, solang er strebt“. Tatsächlich „erstrebte“ der FCK – um fussballaktuell zu bleiben – einen Sieg gegen die Thurgauer Hauptstädter. Man irrte sich. Wichtig dazu: Aus dem Irren kann – und sollte – auch gelernt werden! Verfolgt man als Club ein Ziel, ist dieser Anspruch einem permanenten Lernprozess unterworfen. Betrifft so ziemlich alles im Clubleben: Angefangen hochsportlich ambitioniert natürlich beim berühmten „Spielermaterial“ für die erste Mannschaft, sowie den gleichlaufenden Bemühungen, alle Anstrengungen publikumswirksam zu präsentieren. Kreuzlingen (21’500 Einwohner) wird man allerdings, wie die Erfahrung zeigt, in Sachen Zuschauermassen derzeit nicht so leicht auf den Kopf stellen. Man könnte sich ja auch mal irren….! Nachsatz: Nach der „helenischen Erfahrung“ beim Deutschen Cup-Endspiel in Berlin ist es müssig, sich mit Pausenunterhaltung als „zuschaueranimierende Attraktion“ zu beschäftigen. Einzige Schweizer Ausnahme, die mir spontan in den Sinn käme, wäre vielleicht – oder eher todsicher: Fussballfeld-Anspielkreis kurzzeitig mit Sägemehl ausstatten und als Pausennummer zwei oberkräftige Zwilchhosenschwingerkönige auflaufen lassen. Das sässe bestimmt. Dann wäre die FCK-Hafenarena rasch zu klein. Dafür würde sich der Wurstlieferant und der Zigarrenstumpenfabrikant freuen. Immerhin.

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