Fanzine, Blog, Archiv, Fussballkultur – seit 1999

Was kümmert einen der Millionenzirkus

in Vor- und Nachbetrachtungen by

Tabellenführer und neu erbautes Schaffhauser Stadion – das wären eigentlich die Zutaten für ein Pflicht-Auswärtsspiel des FC Kreuzlingen beim FC Schaffhausen 2 gewesen. Mit zwei Kleinkindern sehen die Prioritäten manchmal anders aus, da kann auch eine Anstosszeit um 18.00 Uhr zu spät sein. Da die 2. Mannschaft zur selben Zeit in St. Gallen beim FC St. Otmar spielte, musste eine andere Spielpaarung her. Die war mit dem Konstanzer Stadtderby BC Konstanz-Egg gegen DJK Konstanz schnell gefunden.

Zum BC Konstanz-Egg gibt es eine persönliche Komponente, mein Grossvater sah sich dort in den 1950er-Jahren Spiele an, kurz nach der Gründung des Vereins. Die DJK Konstanz wiederum, Gründungsmitglied der Oberliga Baden-Württemberg, spielte in seinen besten Jahren gegen Eintracht Frankfurt und den 1. FC Nürnberg, war Teilnehmer der legendären Schwarzwald-Bodensee-Liga und der 1. Amateurliga Südbaden. Mäzen der DJK war ein Schweizer Unternehmer, der sich auch gerne mal selbst im Tor aufstellte.

Im Vereinsheim der Egger entdeckte ich tatsächlich den damaligen Freund meines Grossvaters auf einem Mannschaftsfoto von 1952 (Hans Sulger). Schnell kam man mit einem 80-jährigen Vereinsveteran ins Gespräch. Seit 50 Jahren gehe er zum BC Konstanz-Egg, bis 65 spielte er bei den Alten Herren. Die Erste hätte letztes Jahr noch A-Klasse gespielt – die typische Antwort eines Fans. Ich hänge bei der Frage nach der Liga-Zugehörigkeit des FC Kreuzlingen immer ein „vor ein paar Jahren noch in der 1. Liga“ an. Nun also B-Klasse beim BC Konstanz-Egg (und bei der DJK), die zweitunterste Spielklasse Deutschlands.

Das Spiel fand vor 40 Zuschauern statt, Festbänke wurden an den Spielfeldrand getragen, ein Grill aufgestellt. Im Clubhaus alte Mannschaftsfotos und ein Egg-Schal mit der sinnigen Aufschrift „Fussball ist ein toller Sport“. Die Egger gewannen 6:3, überhaupt befinden sie sich in einem kleinen Hoch, im Pokal wurden bereits drei Vorrunden gegen höherklassige Vereine überstanden (das Wortspiel des „PokalschrEGGs“ machte die Runde). Gemütlich sassen die verbliebenen treuen Egger Veteranen am Spielfeldrand in der Sonne. Fussball ums Eck, ein wenig Fachsimpeln, ein Bier, eine Bratwurst, ein paar Tore und Geschichten. Was kümmert der Millionenzirkus im Fussball.

Das Spiel in Schaffhausen endete übrigens 2:2 und jenes in St. Gallen gewann unsere 2. Mannschaft mit 4:0.

2 Comments

  1. So schön und informatif und dazu mit einer „persönlichen Komponente“ angereichert kann Fussball sein, wenn mal ein Auswärtsspiel der eigenen Mannschaft „als Höchststrafe für die treuesten Fans“ auf Samstag 18 Uhr angesetzt ist und entsprechend aus familiären Gründen ins Wasser zu fallen hat. Dabei ist BC Egg eine durchaus noble Ansage. Sein „Mainaustadion“ liegt immerhin akademisch im Universitätssportbereich. Der „Millionenzirkus“ bezieht sich hier eher auf erhoffte Fördergelder für die nahe Uni – nicht auf Spieler der „zweituntersten Spielklasse“. Aber so sicher ist man da heute nie!

    Um „Millionen“ gehn es derzeit eindeutig in Schaffhausen. Im Herblingertal, eingeklemmt zwischen Bahn, Autostrasse und Wald ist ein Komplex sichtbar, der vordergründig an eine übliche CH-Gewerbearchitektur erinnert. Das Entscheidende tut sich zum Wald hin auf: der Lipo-Park, eine 8000-er Arena mit heizbarem Kunststoffgeläuf in Fussballfeldgrösse. Hier propt der FC Schaffhausen den Aufstieg zur obersten Schweizer Liga. Der Platz wäre also schon mal verbandskonform. Nur scheinen den Ambitionen der Schaffhauser mit Xamax und Servette in dieser Saison zwei welsche Traditionsvereine Mühe zu bereiten. Ein Reinfall ohne h ist also nicht auszuschliessen, obwohl ich mir das als SH-Kantonsbürger gar nicht wünsche.

    Die neue Arena ist übrigens als „multifunktionell“ deklariert. Daher wohl auch der Kunststoffboden (über den Sinngehalt solcher Geläufe ausgerechnet für den Fussball sollen sich andere Gedanken machen!). Neben Stoppen, Passen, Grätschen, Köpfen, Schiessen, usw., kann man sich also demnächst wohl auch tote Hosen, stille Hasen, Zwilchhosenträger und anderes Eventmaterial vorstellen, das sich im Herblingertal tummelt. Wer hätte das gedacht!

    Es ist wohl schon so: heute lässt sich eine Stadionanlage dieser Grössenordnung nicht mehr ohne die berühmte „Mantelnutzung“ – und anderer zweckdienlicher Ideen – erstellen (Gewerbe, Events). Es sei denn, ein F-Mäzen taucht aus dem Nichts auf. Aber diese Gefahr besteht, soweit es den Fussball „beidseits“ der Grenze betrifft, derzeit kaum. Der FCK brachte einen einzigen Punkt vom Rhein an den Bodensee zurück, hatte immerhin das Vergnügen, auch mal in einer etwas grösseren Sportanlage zu schnupperern, als er sichs von zuhause gewöhnt ist. Sportlich ist ein Auswärtspunkt übrigens nie zu verachten, auch wenn man den berühmten „Sack“ in diesem Fall nicht ganz zumachen konnte, wie zu lesen ist. Über das „Warum“ wird sich der Trainer bereits Gedanken gemacht haben. Um das gehts. Und – momentan! – nicht mehr Tabellenerster zu sein, schadet kaum. Macht gegnerische Mannschaften weniger gefrässig.

  2. Herrlich zu lesen… da ich weniger Poet als Prolet bin, sag ich da einfach: Gegen den modernen Fussball. Für den Erhalt der Tradition. Amen.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

Latest from Vor- und Nachbetrachtungen

Wurst im Papier

Mit 5:0 wurde die Wiler Talentauswahl vom FC Kreuzlingen demontiert, 90 Minuten gings

Schwungvolle 7 Minuten

Gegen Bazenheid reichten exakt 7 Minuten Sturmlauf. Der FC Kreuzlingen war im

Wohin geht die Reise?

Der Saisonstart hätte leicht schief gehen können. Ein Cup-Abenteuer wie jenes gegen
0 CHF0.00
Go to Top